Eigentlich wollten die Bayern in der Woche vor der Länderspielpause mit Heimsiegen gegen Bordeaux und Schalke in Champions League und Meisterschaft die Weichen auf goldene Zukunft stellen. Eigentlich. Denn was als Bilanz der Woche bleibt, ist ein – to say it with Tante Käthe in Island – noch tieferer Tiefpunkt, mit Lahm und Toni zwei neue Brandherde und eine sich verschärfende Identitätskrise.
Mir san mir! ist nicht mehr. Dieses urbajuwarische Selbstverständnis, was bei manch einem Duselsieg, vor jedem Spitzenspiel, bei der Last-Minute-Meisterschaft 2001 und zum Bangemachen tabellenführender Konkurrenten in den letzten Jahrzehnten heilig Mittel war, hat einen erheblichen Schaden erhalten. Sollten diese bloßen drei Worte noch unter Klinsmann das CI des neuen bayrischen Leistungszentrums sein und vergangene Erfolge mit aktuellem Anspruchsdenken vereinen, reibt man sich heute beim Betrachten von Spielen und Interviews der Bayern verwundert die Augen und fragt sich, wann genau eigentlich die Halbwertszeit von Mir san mir! ablief?
Schon weit vor der Inthronisierung von Jürgen Klinsmann denke ich. Schon über weite Strecken des letzten Jahrzehnts konnte man den FC Bayern einfach umschreiben: Meistens zu gut für die Bundesliga, aber stets zu schlecht für Europa. Die Tranferpolitik des Vereins war in erster Linie darauf bedacht die Felle zu sichern und die nationale Konkurrenz fernab jeder Sinnhaftigkeit klein zu halten, ohne eine Idee (Anm.: das Wort Vision wird an dieser Stelle aufgrund von Begriffs-Burnout im Zuge des Klinsmann-Engagements bewusst vermieden) zu entwickeln, wie das Spiel des FCB aussehen soll und wie man trotz den gebetsmühlenartig von Deutschlands bekanntestem Wurstfabrikanten rezitierten Standortnachteilen international mithalten will.
Nicht Fisch, nicht Fleisch, man wurstelte sich mehr schlecht als recht durch. Irgendwann erkannte man dann, dass der Vorsprung national immer kleiner und der Abstand international immer größer wurde. Klinsmanns Verpflichtung entsprang dieser Erkenntnis als Pawlowscher Reflex. Die reformgetriebene Zweckgemeinschaft konnte sich aber schon aufgrund der verbrannten Erde vergangener Tage nie zu einer Liebesehe mit dem Trauspruch Mir san mir! entwickeln.
Unter dem göttlichen Van Gaal geht dieses Identitätsdilemma unverändert weiter. Von den ohne ihn getätigten Transfers hat sich Van Gaal in Rekordtempo distanziert, die eigenen Neuverpflichtungen greifen nicht, die Über- und Fehlbesetzung einzelner Mannschaftsteile schürt Frust und Ärger und ständige Personal- und Systemrochaden verunsichern alle Beteiligten zusätzlich.
So hat Philipp Lahm mit seinen Einschützungen im vieldiskutierten SZ-Interview sicherlich in den meisten Punkten recht, auch wenn es Uli Hoeneß nicht hören und wahrhaben mag. So lange das Verständnis für Lahms zugegebenermaßen unglücklich terminierte und publizierte Aussagen in der Führungsetage der Bayern nicht einsetzt, wird aus dem forschen Mir san mir! künftig aus falscher Eitelkeit ein zweifelnd fragendes Wer san mir? werden.





